|
ein meisterhaftes visuelles Essay über das Wesen der Camouflage.
Sie beweist, dass Mythen – wie der des Trojanischen Pferdes – durch sprachliche und visuelle Verschiebungen überleben. Die nautische Deutung des Hippos-Schiffes dockt nahtlos an dieses Kunstwerk an: Beide dekonstruieren die Realität, indem sie zeigen, dass der Container (das Schiff/das Dia) und der Inhalt (die Soldaten/die Statue) in einem permanenten, rhetorischen Spannungsverhältnis stehen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Geschichte Trojas nicht durch militärische Gewalt, sondern durch ein genial konstruiertes, semiotisches Missverständnis gewonnen wurde.
Die Synekdoche (auch bekannt als Pars pro toto – ein Teil steht für das Ganze, oder Totum pro parte – das Ganze steht für ein Teil) ist im Kern keine rein sprachliche, sondern eine strukturelle Verschiebungsfigur.
Im Kontext des „Das Pferd im Pferd“ und der nautischen Realität des Schiffes Hippos fungiert die Synekdoche als die fundamentale Schaltstelle für das Einlesen (Codieren) und Auslesen (Decodieren) von Information.
Die Funktionsweise der Synekdoche im Gesamtkomplex
Bei einer Synekdoche wird ein Element aus einem realen Begriffsfeld (dem semantischen Netz) herausgebrochen und stellvertretend für das gesamte Feld gesetzt.
Nautisch: Der Pferdekopf am Bug (Galionsfigur) des phönizischen Schiffes ist ein Teil des Schiffes. Dieser Teil gibt dem Ganzen seinen Namen (Hippos = Pferd).
Visuell: Das Negativ-Dia isoliert die Reiterstatue (ein Teil) aus ihrem städtebaulichen und historischen Kontext (Rom/Macht), um über das Wesen von Bildwerdung und Täuschung (das Ganze) zu sprechen
Einlesens (Codierung)
Das Einlesen beschreibt, wie aus einer komplexen, vielschichtigen Realität ein komprimiertes Zeichen (ein Code) erzeugt wird. Die Synekdoche ist hierbei das Werkzeug der Reduktion.
Die Codierung des Schiffes: Die Griechen nutzen eine Synekdoche, um ihre Kriegslist zu verpacken. Ein hochseetaugliches Frachtschiff voller Soldaten wird auf sein markantestes visuelles Merkmal reduziert: das Pferdesymbol am Bug. Die eigentliche Funktion (Kriegsgerät/Truppentransporter) wird „überschrieben“ und im Code „Pferd“ eingelesen. Der Code verbirgt das Ganze, indem er nur den Teil zeigt.
Die Codierung im Kunstwerk: Die Fotografie des Marc Aurel liest die physische Dreidimensionalität der Bronzeplastik in ein zweidimensionales, chemisch/digital umgekehrtes Negativ-Dia ein. Das Dia ist ein Teil (ein Abdruck) des Kunstwerks, fungiert in der Montage aber als neues Ganzes. Das Einlesen im Negativ entzieht dem Bild die gewohnte Farbigkeit und Plastizität – es codiert die Statue als reines Strukturskelett
Der Prozess des Auslesens (Decodierung)
Das Auslesen ist der umgekehrte Prozess: Ein Empfänger nimmt das reduzierte Zeichen wahr und versucht, das dahinterstehende Ganze zu rekonstruieren. Hier entscheidet sich, ob die List gelingt oder entlarvt wird
Die fatale Decodierung der Trojaner (Das Missverständnis): Die Trojaner lasen den Code „Pferd“ aus und wendeten die falsche Synekdoche an. Sie dachten an das Totum pro parte: Sie sahen das Pferd (das Ganze) und schlossen daraus auf ein heiliges Tier/Opfergabe (den vermeintlichen Sinn). Sie übersahen das Pars pro toto: dass dieses Wort nur ein Teilname für ein phönizisches Schiff war. Sie lasen den Code wörtlich statt strukturell aus.
Die moderne Decodierung (Der Archäologe): Der Historiker decodiert die Synekdoche Jahrhunderte später korrekt. Er weiß, dass „Pferd“ in der nautischen Fachsprache der Antike ein Schiffstyp war. Er liest das Wort aus und rekonstruiert das reale Boot.
Das Auslesen der Marc-Aurel-Montage: Beim Betrachten des Negativ-Dias müssen wir als Rezipienten die Hohlräume und invertierten Kontraste „umdenken“. Unser Gehirn versucht automatisch, das Negativ in ein Positiv zurückzuübersetzen. Das Paradoxon „Das Pferd im Pferd“ zwingt uns dazu, das Auslesen zu verweigern: Wir merken, dass wir die Statue (Marc Aurel) nicht mehr von der Täuschung (dem Dia) trennen können |